| |
RUMÄNIEN
Anlässlich ihres Rumänien-Besuchs traf Michaela Kuhlmann, unsere Geschäftsleiterin in Deutschland, Ilus Munteanu. Die junge Frau lebt zusammen mit ihren zwei Kindern und ihren Eltern in einem kleinen Haus. Vom Staat erhält sie eine geringe Unterstützung. Als Diaconia im April 2009 um Ihre Mithilfe bat, ging man davon aus, dass Stefan, der Familienvater, zwecks Arbeit im Ausland sei. Heute weiss sie leider mehr.
Michaela: „Ilus, darf ich dir ein paar Fragen stellen?“
Ilus: „Ja, das ist in Ordnung.“
Michaela:„Wie hast du von Diaconia gehört?“
Ilus:„Eine Freundin, die auch Hilfe erhält, erzählte mir von Diaconia. Ich hätte nie gedacht, dass ich Hilfe bekomme, denn es gibt so viele andere, denen es noch bedeutend schlechter geht als mir. Viele alleinerziehende Frauen, die von ihren Männern verlassen wurden oder sie verlassen haben, werden auch von ihren Eltern verstossen. Das ist mir, Gott sei Dank, nicht passiert. Meine Eltern unterstützen mich so gut sie können. Aber sie haben doch selbst kaum genug zum Leben. Ohne die Hilfe von Diaconia (Lebensmittel, Kleidung, Schulmaterial usw.) würde ich es nicht schaffen, ohne Hunger und grossen Mangel über die Runden zu kommen. Dass die Hilfe so schnell und zuverlässig kommt, hätte ich nie gedacht.“
Michaela:„Hast du vorher schon irgendwo anders versucht, Hilfe zu bekommen?“
Ilus:“Ja, schon. Aber viele Einrichtungen sagen nur, dass sie helfen würden. Sie fragen nach Personalien und machen Versprechungen. Aber am Ende bekommt man doch aus irgendeinem Grund nichts. Ich war so verzweifelt, dass ich sogar an verschiedenen Orten zur Blutspende ging. Dafür gab es so etwas wie „Essensmarken“, die ich für Nahrung für die Kinder brauchte. Damit kann man für einen bestimmten Betrag einkaufen gehen. Aber meine Gesundheit hat das nicht lange mitgemacht und ich musste damit aufhören.“
Michaela:„Wie bist du in diese Situation gekommen, dass du Hilfe brauchst? Wo ist der Vater der Kinder?“
Ilus:„Mein Mann hat mich die ganzen Jahre misshandelt und gedemütigt, sowohl physisch als auch mit Worten. Ich hatte mich in mein Schicksal gefügt und hatte nicht die nötige Kraft, mich von ihm zu trennen. Je älter Ioana wurde, desto mehr Angst hatte ich um sie, um ihre Zukunft. Aber dennoch war ich zu schwach, mich aufzulehnen. Ich dachte ich wäre wertlos und viel zu dumm, um alleine klarzukommen.
Dann wurde ich wieder schwanger. Mein Mann wollte unbedingt, dass ich abtreibe. Er wollte kein zweites Kind haben. Aber ich – sie beginnt zu weinen – konnte es einfach nicht tun! Ich wusste schon von Anfang an, dass ich einen Sohn bekommen würde, ich spürte es einfach. Und ich hatte mir immer einen Sohn gewünscht. Für mich war ganz klar: Ich will dieses Kind behalten und ich werde es Matei nennen. Ich empfand, dass dieses Kind in mir ein Segen Gottes war.“
Michaela:„Was bedeutet der Glaube an Gott und an Jesus für dich?“
Ilus:„Eigentlich alles! Ohne Gott hätte ich längst aufgegeben! Als ich mit Matei schwanger war, war es mir, als wenn Gott mir neu begegnen und mich aufwerten würde. Ich dachte, wenn Gott mir so vertraut, dass er mir ein weiteres Kind anvertraut, wie kann ich ihm dann NICHT vertrauen? Er vertraut mir und ich vertraue ihm – völlig! Diese Erfahrung hat mir die Kraft gegeben, aufzustehen und die Zukunft in die Hände zu nehmen.“
Michaela:„Wo ist dein Mann jetzt? Weisst du das?“
Ilus:„Er hat einmal aus Italien angerufen und gesagt, er sei dort, um Geld zu verdienen und es uns zu schicken. Bis heute jedoch kam nichts und ich habe erfahren, dass er sich hier in Rumänien mit Leuten eingelassen hat, mit denen nicht zu spassen ist. Er ist vor diesen geflüchtet, da er um sein Leben fürchten muss. Er ist nicht weg, um Geld zu verdienen. Er musste sich in Sicherheit bringen. Ich bin froh, dass wir von ihm weg sind. Ich weiss gar nicht, was aus uns geworden wäre, wenn wir noch zusammen wären...“
Michaela: „Welche Wünsche hast du für die Zukunft?“
Ilus:„Ich wünsche mir, dass meine Kinder ohne grosse Sorgen aufwachsen und leben können. Dafür mache ich, was mir möglich ist.“
Michaela:„Welche Wünsche hast Du für DICH für die Zukunft?“
Ilus (lacht): “Vor lauter Sorge habe ich völlig verlernt, für mich selber Wünsche zu haben... Aber was ich mir wünschen würde, wäre, meinen Schulabschluss nachzuholen und eine Ausbildung zu machen in einem Beruf, der mir etwas Freude macht, und damit Geld zu verdienen. Momentan jedoch suche ich einfach nach einer Arbeit. Irgendetwas, mit dem ich unseren Lebensunterhalt verdienen kann. Egal ob am Fliessband oder an der Nähmaschine. Ich bin da nicht so wählerisch. Meine Eltern würden auf die Kinder aufpassen, wenn ich etwas finde. Ich bin so froh, dass ich sie habe... Hier in der Nähe, nicht weit in Richtung Brasov, wird eine Fabrik gebaut. Sobald dort Arbeiter gesucht werden, werde ich mich bewerben und bete schon jetzt, dass ich eine Stelle bekomme. Dann hätte ich auch einen kurzen Arbeitsweg.“
Michaela: Vielen Dank, Ilus, dass du so ehrlich gesprochen hast. Das hat mich sehr bewegt. Ich wünsche dir Gottes Segen für deine Zukunft und dass deine Wünsche für dich und deine Kinder in Erfüllung gehen.
(Projektnummer 1332, Diaconia Report April 2009) |